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Der Anblick dieser seltsamen Schutthalde faszinierte mich auf Anhieb. Ich wartete einige Tage auf die gewünschten Lichtverhältnisse und erschien zum Erstaunen des Friedhofswächters abermals und voll ausgerüstet mit meinen Kameras. Ich fotografierte verloren und mutterseelenallein in dieser Gräberlandschaft bis Sonnenuntergang und bis zu meiner Erschöpfung. Am Ende stand ich vor dem verschlossenen Ausgangstor.
TOTENTANZ, PALERMO 1995
Im Palermo des 17. bis 19. Jahrhunderts liessen sich reiche und vornehme Bürger auf besondere Art bestatten: sie erwarben bei den Kapuzinermönchen einen Steh- oder Liegeplatz für die Ewigkeit. Die Mönche witterten ein gutes Geschäft und spezialisierten sich auf die Mumifizierung von Leichen. Sie erweiterten ihre tonnenartigen Kellergewölbe zu einem grossen Labyrinth und richteten da ihre Katakomben ein.
Die Leichen wurden mit dem damaligen Allerwelts-Desinfektionsmittel "gelöschter Kalk" behandelt und dann für ein Jahr zum Austrocknen im heissen Wüstensand vergraben. Darauf wurde jeder Tote mit den besten Gewändern neu eingekleidet und an seinen Platz gehängt bzw. gelegt. Hier konnten sie von ihren Angehörigen besucht und "gepflegt" werden.
Würden Sie diese regelmässigen Besuche bei Ihrer toten Mutter, Ihrem toten Vater, Ihrem toten Kind, Geliebten, Geliebter, Freunden und Verwandten heutzutage aushalten? Würden Sie Ihren geliebten Toten in sein mehr und mehr verwesendes und verfallendes Gesicht sehen können?
Ich bezweifle es. Unsere Zivilisation mag dem Tod nicht ins Antlitz sehen. Genau das habe ich versucht in diesen Fotografien. Erst indem ich mich auf das Gesicht des Todes einlasse und es erforsche, nehme ich den Tod ernst, als eine Realität und nicht als ein mystifiziertes Phantom.
Ich habe die Toten wie Lebende fotografiert: ich habe sie "portraitiert". Damit bringe ich sie "zum Sprechen". Der Ausdruck interessiert mich. Und sofort stellt sich auch diese seltsame Irritation ein, zu der Fotografie fähig ist: sie macht Tote und Lebende gleich. Sie rückt sie in dieselbe mediale Dimension. Lebende verwandelt sie irgendwie in Tote, Erstarrte. Und Tote?
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