| |
Die fotografische Transformation haucht ihnen Leben ein. Das kann erschrecken. Das sind Zombies, lebende Tote! Und jeder hat seinen Ausdruck, seine Eigenheit und verweist auf die Einmaligkeit einer gezogenen raum-zeitlichen Kombination.
PORTRAITS 1968-1995
Portraits gelingen dann, wenn mich eine Beziehung, ein Affekt, eine Liebe mit der fotografierten Person verbindet. Sie kann auch nur sehr kurz sein, wenige Sekunden dauern. Aber ohne Liebe kein Portrait. Erst sie macht es möglich, die Einzigartigkeit eines Lebewesens zu erfassen. Und nur darum geht es in einem Portrait!
Es geht um die Singularität, um die Einmaligkeit nicht um den Typus. Oft muss ein Fotograf in einem "Dazwischen" fotografieren, zwischen den fingierten "Posen" und den Masken, die sich jemand aufsetzt. Nur dann kommt er der Einzigartigkeit eines Ausdrucks auf die Spur. Denn der Mensch möchte sich oft anders darstellen, als er ist. Er möchte so sein wie alle andren. Das genaue Gegenteil aber macht ihn interessant: Seine Abweichung, seine Einmaligkeit.
Man kann auch "abwesenden" Menschen begegnen und solchen, die schon lange tot sind. Sie sind in einer Situation, in einem Gegenstand, in einer Landschaft plötzlich präsent. Zum Beispiel in jenem Fensterausblick in Tanger, den Henri Matisse in den Jahren 1911 bis 1913 tagtäglich genossen haben muss. Er hat ihn auch gemalt. Ich selber erkenne in diesem Foto die Verzauberung wieder und das Glück, das ich in Marokko erleben durfte.
An jenem Tag, an dem der französische Philosoph Gilles Deleuze sich in Paris aus dem Fenster stürzte, fotografierte ich in Taormina. Das Foto der halbgeöffneten Balkontüre mit dem Sonnenstrahl und dem säuselnden Wind, der den Vorhand wie einen Schleier bauscht, entstand in eben jenen Minuten. Ich bin dem Philosophen vor über 20 Jahren ein einziges Mal begegnet. Kein anderer hat mein Denken so nachhaltig geprägt. Er starb an einem 4. November: Der Todestag meines Freundes Markus Kägi. |
|