| |
DAS STERBEN VON MARKUS KÄGI, KANTONSSPITAL AARAU, l990
Ich habe in meinem Leben immer versucht, der Realität, der ich ausgeliefert war, nicht auszuweichen, sondern ihr möglichst gelassen ins Auge zu sehen. Ich gebe zu, es fiel mir noch nie so schwer wie in den Augenblicken, von denen diese Fotos zeugen. Einige von ihnen entstanden wie in Trance.
Fotografie und Tod stehen sich aber auch sonst sehr nahe. Das Lichtbild verweist auf eine einmalige, singuläre raum-zeitliche Konstellation, die nicht wiederholbar und immer bereits vergangen ist. Indem ich das fotografische Bild sehr genau datiere, verstärke und markiere ich dieses Element.
Aber jede Fotografie verweist auf ein Datum. Da ein Negativ bekanntlich meist in einem Bruchteil von Sekunde belichtet wird, ist dieses "Datum" so klein, dass es irgendwie zwischen der Zeit liegt, - zwischen einer Vergangenheit und einer Zukunft. Es ist sozusagen eine reine Gegenwart und deshalb nichts, - oder etwas Imaginäres. Jedes fotografische Bild konfrontiert uns eindringlich mit diesem Sachverhalt und damit mit Vergänglichkeit. Es weckt melancholische oder nostalgische Gefühle. Es weckt Erinnerungen. Sobald ein Foto geknipst ist, das heisst, sobald dieser Bruchteil von Sekunde aus dem Zeitenstrom herausgepickt und festgehalten ist, ist das Lichtbild bereits Vergangenheit.
CEMENTERIO SAN MIGUEL, MALAGA 1989-1995
Auf der Suche nach dem Grab der amerikanischen Schriftstellerin Jane Bowles gelangte ich auf diesen Friedhof. Das Grab war nicht einfach zu finden, da es nichts weiter als ein unmarkierter, schmutziger Flecken Erde ohne Grabstein war. Ich musste die Grabnummer aus alten verstaubten und vergilbten Registern heraussuchen. Dazu wiederum brauchte ich das genaue Begräbnisdatum. Schliesslich war die berühmte Schriftstellerin, die in Tanger gelebt hatte und in einem Sanatorium in Malaga gestorben war, unter ihrem Mädchennamen eingetragen: Jane Auer, 5. Mai 1973, Parzelle F, Nr. 453.
Jahre später, als ich wieder hier vorbei schaute, fand ich den ganzen Friedhof zu meinem Entsetzen in einem Zustand der Zerstörung. Jedes Grab war aufgebrochen und lag frei, als hätte hier die Apokalypse gewütet, und als wären die Toten aus ihren Gräbern auferstanden und in den Himmel gefahren.
|
|