Darüber gewann ich erst richtig Einsicht, als eines Tages in der nahen Stadt überall im Freien eine Ausstellung von Skulpturen und Plastiken statt fand. Viele von den menschlichen Künstlern versuchten sich in Eisen-Stein-Gefügen. Keiner erreichte die Perfektion der Schönheit des Eisenschrotts im Wildbach.
Allerdings wird sich niemand um die Erhaltung dieser Natur-Skulpturen bemühen. Beim nächsten Anschwellen des Bachs tauchen sie unter und verändern ihre Form. So bleiben sie imaginär, denn sie existieren nur auf meinen Fotos.


TANGER, VILLA DE FRANCE, 19.2.1989, 11 UHR 17 BIS 12 UHR 09

Die Zeit in Marokko gehört zu meinen aufregendsten und beglückendsten Erfahrungen. In der "Villa de France", jenem berühmten Hotel in Tanger, in dem anfangs Jahrhundert schon Gertrude Stein mit ihrer Freundin Alice Toklas, Henri Matisse und in deren Gefolge viele Schriftsteller und Künstler logierten, konnte ich mich sozusagen am Rande der Welt in die Badewanne legen und die Zeit vergessen. Eine hoch bedeutsame Situation für einen Fotografen, arbeitet er doch in einem Medium, das - im Lichtbild - die Zeit "überlistet" und irgendwie ausschaltet.
Allerdings hat sich, ohne dass ich mich versah, sofort und überall der Tod in diese Fotos eingeschlichen. Das wurde mir erst viel später beim Betrachten der Abzüge bewusst, nicht im Augenblick der Aufnahmen. Die Badewanne mit dem nackten, reglosen Körper ist wie ein Sarg, in den man sich legt. Das warme Wasser, in dem es sich so wohl und entspannend liegen lässt, erinnert an vorgeburtliche Erfahrungen im mütterlichen Leib. Das geschlossene Fenster, der Schatten, die Spiegelungen, die aseptischen Fliesen, der Abort, die zerbrochenen Bodenplatten...alles irgendwie mit dem Tod verknüpft, - Symbole des Todes. Sogar die Nahaufnahme der Wasserhähne aus Chromstahl, in dem ich mich wie in einem Fischauge spiegle, hat die Form eines Totenkopfs angenommen.
Ahnungslos habe ich mich mit einer Thematik zu beschäftigen begonnen, die ein Jahr später mit aller Heftigkeit in mein Leben getreten ist, - im Tod des Schweizer Dramatikers und Freundes Markus Kägi.

 
     
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